im blauen Sessel
  


16. Salonnacht am 21.04.2023


GELD - SONST NICHTS?

Einführung von Karin Nowak >



Markus Ostermair (Pädagoge & Autor)

Der Sandler

Wer schwankt nicht zwischen Mitleid und Ressentiment beim Anblick eines „Sandlers“, eines Obdachlosen? Mangel an Geld bedeutet auch Verlust von (Selbst)wert. Wo wir sonst einen großen Bogen machen, schaut Markus Ostermair genau hin. Er gibt in Gestalt seines Protagonisten Karl Obdachlosen eine Stimme und Würde, ohne das vermeintlich „freie“ Leben auf der Straße zu romantisieren. Denn in Wahrheit ist es geprägt von Gewalt, Misstrauen und Angst. Karl jedoch besitzt irgendwann einen Schlüssel zu einer eigenen Wohnung. Doch reicht das, um seinem Leben eine neue Richtung zu geben?

Markus Ostermair arbeitete während seines Zivildienstes und des Studiums der Germanistik und Anglistik in der Obdachlosenbetreuung der Münchner Bahnhofsmission. Sein Debütroman „Der Sandler“ wurde u.a. mit dem Bayerischen Kunstförderpreis für Literatur ausgezeichnet und wird in Bayern im Schulunterricht eingesetzt.

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Eske Bockelmann (Altphilologe & Germanist)

Das Geld

Nur ohne Geld wird diese Welt von Menschen bewohnbar bleiben. Das ist eine der ungewöhnlichen Thesen, die Eske Bockelmann vertritt. Denn das Geld erfordert sein eigenes Wachstum, damit Gewinn gemacht werden kann, mit dem beispielsweise Löhne bezahlt werden. Wo das Wachstum ausbleibt, droht die Katastrophe. Wo es aber gelingt, droht die noch größere: die Zerstörung dieser Welt, Stichwort Klima. Geld ist zwar einerseits etwas Verbindendes in unserer Gesellschaft, aber es verbindet nach seinen Anforderungen − zu denen etwa gehört, dass Menschen zu Konkurrenten werden, statt miteinander zum Wohle aller zu agieren.

Nach Stationen als Dramaturg am Nationaltheater Mannheim sowie an den Universitäten München, Würzburg und der Forschungsstelle Georg Büchner in Marburg, lehrt Eske Bockelmann heute an der TU Chemnitz Altgriechisch und als Gymnasiallehrer Latein. Er habilitierte sich mit der Studie „Im Takt des Geldes.“

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 Duc Ngo Ngoc (Filmemacher)

Trading Happiness

Am Hochzeitstag ihrer Tochter überkommt die Vietnamesin Nghi ein ungutes Gefühl, als sie zum ersten Mal den fremden chinesischen Bräutigam sieht. Die 17-jährige Phuong ist bereit, den reichen Geschäftsmann zu heiraten und mit ihm nach China zu ziehen, um die Schulden ihrer Familie abzuzahlen. Doch dann läuft die verängstigte Braut kurz nach der Trauung weg. Verärgert will die Heiratsvermittlerin nun Phuongs kleine Schwester an ihrer Stelle nach China verkaufen. Die Mutter muss entscheiden, zu welchem Opfer zwischen Glück und Geld sie bereit ist.

Duc Ngo Ngoc wurde in Hanoi geboren. Er studierte Medienkunst und Design an der Bauhaus-Universität Weimar und ist Masterabsolvent Regie der Filmuniversität Babelsberg. Er arbeitet als Filmemacher für Spiel- und Dokumentarfilme. Sein Kurzfilm „Trading Happiness“ gewann u.a. den Publikumspreis beim Max Ophüls Festival 2020.

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Steffen Nowak (Schauspieler & Regisseur)

Peter Schlemihls wundersame Geschichte

In diesem alten Märchen verkauft der Habenichts Schlemihl einem mysteriösen Mann seinen Schatten für einen unerschöpflichen Sack voll Gold. Schlemihl glaubt, einen guten Preis für etwas Wertloses bekommen zu haben. Doch dann realisiert er: Der Schatten ist Teil seiner Identität als Mensch. Ohne ihn wird er anderen unheimlich, sie meiden ihn und schließen ihn aus. Und seine Braut verlangt als Bedingung für die Hochzeit, dass er seinen Schatten zurückkauft. Doch was nutzt ihm alles Geld der Welt, wenn sein geheimnisvoller Handelspartner dieses offenbar selbst im Übermaß besitzt? Welchen Preis wird er verlangen?

Steffen Nowak lässt das 1813 entstandenen Kunstmärchen von Adelbert von Chamisso lebendig werden. Nowak studierte Schauspiel in München, Burghausen und Los Angeles und arbeitete als Bühnen- und TV-Schauspieler. Seit 2013 steht er als Regisseur vornehmlich hinter der Kamera.

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Sahar Rahimi (Künstlerin)
& Doreen Kutzke (Musikerin & Komponistin)

Soll & Habitus

In „Soll & Habitus“ stellen sich 15 Autorinnen und Autoren in kurzen, autobiografisch geprägten Beiträgen der Herausforderung, ihre geheimen Rechnungen auf den Tisch zu legen und ihr Verhältnis zum Geld zu hinterfragen. Ein Thema, das hier niemanden kalt lässt:  Durch die Texte zieht sich die Scham als Leitmotiv. Scham, zu wenig zu haben, Scham, zu viel zu haben. Und was passiert, wenn man von einer sozialen Schicht in die andere auf- oder absteigt? Empfinden die  „Klassenüberläufer“ ein Leben lang ein schlechtes Gewissen, Fremdheit und Existenzangst?

Sahar Rahimi ist Regisseurin, Performancekünstlerin und Mitautorin von „Soll & Habitus“. Sie studierte am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen und inszeniert an zahlreichen Theatern.
Die Musikerin und Komponistin Doreen Kutzke betreibt in Berlin die „Jodelschule Kreuzberg“ und ist mit ihren musikalischen Performances weltweit gefragt. In der Salonnacht nimmt sie musikalisch Bezug auf emotionale Aspekte des Themas „Geld“.

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 Thomas Grasberger (Autor)

Flins: Das Geld des Südens

„Flins“ bedeutet auf bairisch „Geld“, so wie man andernorts von „Kies“ oder „Schotter“ spricht. Thomas Grasberger befasst sich so hintersinnig wie unterhaltsam mit der Geschichte des Geldes in Bayern von den frühmittelalterlichen Stämmen bis zu den heutigen Verflechtungen von Flins und Filz. Dass Geld Steinreiche wie arme Schlucker gleichermaßen umtreibt, zeigen Geldgeschichten von Überfluss und Not, Gier und Geiz, nicht nur bei Bankern und Politikern, sondern auch bei den sogenannten kleinen Leuten. Auch bei ihnen hört beim Geld die Freundschaft häufig auf.

Thomas Grasberger lebt als Journalist und Autor in München. In seinen Radiofeatures und Büchern spürt er dem bairischen Lebensgefühl nach. Grasberger wurde 2017 mit dem „Ernst Hoferichter-Preis“ ausgezeichnet und in die renommierte Literatenvereinigung „Münchner Turmschreiber“ berufen.

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Ole Nymoen (Autor)

Influencer

Berufswunsch: Influencer. (Eigen)marketing in sozialen Medien scheint einer der wenigen Jobs zu sein, die das alte Aufstiegsversprechen des Kapitalismus einhalten: es von ganz unten zu Einfluss und Geld bringen zu können – vom Tellerwäscher zum Millionär. Ein gesättigter Markt, der Albtraum des Kapitalismus, erfordert als glaubwürdig wahrgenommene personalisierte Werbung, um neue Konsumanreize zu setzen. Doch auch wenn ein „Influencer of the Year“ postet: „Followers and Likes are NOT an indication of worth!“, bleibt die Frage: Was macht diese Art von Selbstdarstellung mit Influencern und ihren Followern?

Ole Nymoen ist Journalist, Podcaster und Buchautor und studiert Wirtschaftswissenschaften und Soziologie in Jena. Gemeinsam mit Wolfgang M. Schmitt, dem Koautor von „Influencer“, produziert er den Wirtschaftspodcast „Wohlstand für alle“, in dem unter anderem historische Hintergründe des Kapitalismus besprochen werden.

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Florian Wobser (Philosoph)

Die andere Seite der Münze

Was lässt sich für Geld nicht kaufen und welche "weichen" Kriterien prägen den Tausch? In diesem Salon sollen künstlerische Kurzfilme und Interviews des Filmemachers Alexander Kluge zum von ihm metaphorisch so benannten „Kapital namens Vertrauen“ als Diskussionsimpulse genutzt werden, um das Spannungsfeld zwischen Geld und Mensch zu beleuchten. So wird etwa von der „Unruhe des Geldes“ die Rede sein, von der Sorge um dessen Wertverlust. Und am Beispiel des Märchens von „Hans im Glück“ wäre z.B. auch zu diskutieren, ob hier tatsächlich vor lauter Einfalt eine alternative Idee des Wertvollen realisiert wird.

Nach Jahren im gymnasialen Schuldienst ist Florian Wobser heute Akademischer Rat mit dem Schwerpunkt Bildung/Didaktik an der Universität Passau. Besondere Anliegen sind ihm Unterrichtsmedien, deren Formen Kreativität erfordern, und dritte Orte zwischen Uni und Schule.

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Patrick Tschan (Autor)

Polarrot

Jack Breiter ist ein Emporkömmling und Hochstapler. Auf dem Weg nach oben ist er zu fast allem bereit. Nachdem er als Heiratsschwindler gescheitert ist, bringt er es in den 1930er Jahren endlich zu Reichtum: Als Handelsvertreter einer Schweizer Farbenfirma verkauft er exklusiv die Farbe "Polarrot" für die Hakenkreuzfahnen der Nazis. Doch dann verliebt er sich in eine Halbjüdin und lässt sich ihr zuliebe auf riskante Schmuggeltouren über die Schweizer Grenze ein. Und plötzlich fällt es ihm gar nicht mehr so leicht, Geld und Moral zu trennen.

Der Schweizer Schriftsteller Patrick Tschan veröffentlichte neben mehreren Romanen auch Kurzgeschichten, Essays und Artikel u.a. in der „Zeit“. Er war Kolumnist der Basler Zeitung und führte Regie am Theater. Sein neuester Roman „Schmelzwasser“ spielt in einer Kleinstadt am Bodensee.

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Julia Friedrichs (Autorin)

Wir Erben

Jedes Jahr werden in Deutschland bis zu 400 Milliarden Euro vererbt. Während Arbeitslöhne steuerlich stark belastet werden, sind Erbschaften innerhalb der Familie begünstigt. Die soziale Kluft zwischen Erben und Nicht-Erben verstärkt sich daher immer mehr, ohne dass dies bisher zu einer nennenswerten gesellschaftlichen Debatte geführt hätte. Anhand vieler Begegnungen schildert Julia Friedrichs, was diese Ungleichheit mit Menschen macht und zeigt, dass ein ererbtes Vermögen Segen und Fluch zugleich sein kann.

Die Journalistin, Buchautorin und Filmemacherin Julia Friedrichs hat die WDR-Reihe „docupy“ mitentwickelt, die sich u.a. mit dem Thema Reichtum beschäftigt. 2022 wurde sie für ihre Fernsehdokumentationen (z.B. "Geheimsache Katar“, ZDF) vom Medium Magazin als Reporterin des Jahres ausgezeichnet.


Rezension der Schwäbischen Zeitung: