im blauen Sessel
  

12. Salonnacht am 28. April 2017

selbst gerecht?


Einführung von Karin Nowak

 

 

 

Gert Heidenreich, Autor

Der Fall

Swoboda ist ein künstlerisch begabter Kriminalbeamter im Ruhestand, oder vielmehr: „ein Maler, der vorgab, Kriminalhauptkommissar zu sein, und die Rolle so gut spielte, dass man ihn für echt hielt.“ Als Zeuge eines Mordes wird er selbst getötet – und klärt aus dem Jenseits seinen eigenen Fall auf. „Niemand bei Vernunft wird annehmen, dass ein Opfer die eigene Ermordung aufklären kann. Und dennoch ist dies hier die Wahrheit. Denn die eigentliche Freiheit nach dem Tod beginnt erst, wenn dem Recht genüge getan ist.“ Ein Buch über Geldwäsche und die unersättliche Habgier der Milliardäre, die ewige Gerechtigkeit und das Leben im Jenseits.

Gert Heidenreichs umfangreiches Werk umfasst Romane, Hörspiele, Theaterstücke, Drehbücher (Adolf Grimme-Preis, Deutscher Filmpreis), Essays und Reden. Seine unverwechselbare Stimme ist einem großen Publikum aus Hörbüchern und Radiosendungen bekannt.


 

Jens Rommel, Staatsanwalt 

Aufklärung von NS-Verbrechen: Ist Gerechtigkeit möglich?

Auch mehr als 70 Jahre nach Ende des Dritten Reiches versuchen Staatsanwaltschaften, Gerichte und die Zentrale Stelle, Morde aus Diktatur und Weltkrieg mit den Mitteln des Strafrechts aufzuarbeiten. Auch bei staatlichen Massenverbrechen muss der Beitrag des Einzelnen nachgewiesen und seine Schuld bemessen werden. Das bereitet erhebliche Schwierigkeiten - rechtliche und tatsächliche. Dennoch wird bis heute gegen Wachpersonal in Konzentrationslagern ermittelt. Die Verfahren der Justiz sind auch ein Spiegel von Politik und Gesellschaft in der Bundesrepublik.

Jens Rommel stammt aus Oberschwaben. Nach dem Jura-Studium hat er u. a. als Richter und Staatsanwalt in Biberach, Riedlingen und Ravensburg gearbeitet. Seit 2015 leitet er die Zentrale Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg.


 

Jutta Voigt, Autorin

Verzweiflung und Verbrechen

In diesen Gerichtsreportagen richtet sich der Blick auf die Menschen hinter den Verbrechen. Ob Trickbetrüger oder Gewaltverbrecher, Dieb oder Vergewaltiger: Jeder von ihnen ist als Kind unschuldig ins Leben gestartet. Ist ein Mörder „schuldiger“ als ein Ladendieb, wenn man die Umstände in Betracht zieht, die ihn zum Mörder gemacht haben? Ist es überhaupt möglich, vor Gericht allen gerecht zu werden? Wer ohne Mitgefühl über andere urteilt, ob als Zuschauer oder Richter, ist möglicherweise: selbstgerecht.

Jutta Voigt studierte Philosophie. Sie arbeitete bei den Wochenzeitungen Sonntag, Freitag, Wochenpost, Die Woche und Die Zeit. Für ihre journalistische Arbeit wurde sie mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet. Seit einigen Jahren ist sie hauptsächlich als Buchautorin tätig.


 

Christian Schüle, Philosoph

Das Gerechtigkeits-Dilemma

Gerechtigkeit dient als Kampfbegriff und wird von rechts und links politisch instrumentalisiert. Um aus einer verbreiteten Befindlichkeit politisch Kapital zu schlagen, findet der Handel mit diffusen Ungerechtigkeitsgefühlen statt. Niemand weiß, was genau Gerechtigkeit ist, aber so gut wie jeder spricht darüber oder klagt sie ein. Allgemeingültige Prinzipien oder einen gesellschaftlichen Konsens darüber, wann etwas für wen gerecht sei, gibt es nicht. In diesem Plädoyer für eine gerechte Gesellschaft der Zukunft geht es um unversöhnliche Interessen, unvereinbare Gefühle und falsche Kausal-Beziehungen zwischen absolut und relativ, sozial, global und individuell.

Christian Schüle studierte Philosophie und Politikwissenschaften und lebt als Schriftsteller, Essayist und Publizist in Hamburg. Er schreibt für Die Zeit, den BR und Deutschlandfunk und lehrt Kulturwissenschaft an der Universität der Künste in Berlin.


 

Marco Maurer, Autor

Du bleibst, was du bist

Drei Viertel der Akademikerkinder studieren, aber nur ein Viertel der Arbeiterkinder. Von den in den Sechziger- und Siebzigerjahren propagierten Aufstiegsmöglichkeiten durch Bildung ist heute nicht viel übrig geblieben. Welche Hindernisse müssen Menschen überwinden, die aus kleinen Verhältnissen aufsteigen? Marco Maurer hat darüber mit Menschen gesprochen, die das geschafft haben, zum Beispiel Frank-Walter Steinmeier und Rüdiger Grube. Und zieht das Fazit: Deutschland ist kein gerechtes Land.

Marco Maurer holte nach einer Lehre als Molkereifachmann sein Abitur nach, besuchte die Deutsche Journalistenschule und ist u.a. Autor für Die Zeit und die Süddeutsche Zeitung. Sein preisgekröntes Dossier „Ich Arbeiterkind“ war Ausgangspunkt für das Buch „Du bleibst, was du bist.“


 

Paula Fürstenberg, Autorin

Familie der geflügelten Tiger

Kurz vor dem Mauerfall verschwand Johannas Vater aus Ostberlin und damit aus dem Leben seiner Tochter. Für Johannas Mutter liegt der Fall klar: Jens hat in den Westen „rübergemacht“ und sich so seiner Verantwortung für die Familie entzogen. Doch als dieser sich fast zwanzig Jahre später wieder meldet, ist nichts mehr so, wie es schien. War der Vater tatsächlich freiwillig verschwunden? Oder wurde ihm Unrecht getan? Johanna sucht die Wahrheit, denn sie hat „eine Frage auf der Zunge. Wie ein Haar im Mund, das man nicht zu fassen bekommt.

Paula Fürstenberg studierte am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. Sie lebt und schreibt in Berlin. Ausgezeichnet wurde sie u.a. mit dem Hattinger Förderpreis für Junge Literatur. „Familie der geflügelten Tiger“ ist ihr Debütroman.


 

Kurt Oesterle, Autor

Martha und ihre Söhne

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erlebt die junge Martha die Besetzung ihrer Heimat durch die Amerikaner. Sie hat Angst vor der Rache der Sieger, denn als willfährige Anhängerin des Naziregimes weiß sie im Innersten, dass sie Schuld auf sich geladen hat. Sie fürchtet Strafe und sehnt sie zugleich als Sühne herbei. Dennoch hofft sie, dass ihre zwei kleinen Söhne ein Grund sein werden, sie zu verschonen. Doch als die gerechte Strafe ausbleibt, empfindet Martha für die Sieger nur Verachtung. Und gibt die  Bürde ihrer Schuld an die nächste Generation weiter.

Kurt Oesterle studierte Literatur, Geschichte und Philosophie. Er arbeitete als Journalist für das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung und beim Schwäbischen Tagblatt. Als freier Autor veröffentlichte er mehrere, teils preisgekrönte  Romane, Monografien und Essays.


 

Lukas Hartmann, Autor

Räuberleben

In Württemberg hat Ende des 18. Jahrhunderts jeder seinen gottgewollten Platz in der Gesellschaft. Ganz unten stehen der Räuber Hannikel und seine „Zigeunersippe“.  Entschlossen verfolgt von der Obrigkeit, werden Hannikel und die Seinen schließlich ihrer Strafe zugeführt. Und nur dem Stadtschreiber Grau, der die Verhöre und schließlich die Hinrichtungen protokolliert, kommen Zweifel, ob diese Strafe tatsächlich eine gerechte sein kann. Denn „was gab denen, die durch glücklichere Lebensumstände in einer ganz anderen Lage waren, das Recht, über die weniger Glücklichen zu urteilen?“

Lukas Hartmann ist einer der bekanntesten Schweizer Autoren und wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet. Er studierte Germanistik und Psychologie und arbeitete u.a. als Lehrer, Jugendberater und Radioredakteur. Er lebt als freier Schriftsteller bei Bern.


 

Irene Fischer, Schauspielerin

Carl von Linné: Nemesis Divina

Der berühmte Naturforscher Carl von Linné vermachte sein geheim gehaltenes Werk „Nemesis Divina“ (Die Rache Gottes) seinem Sohn. Erst über zweihundert Jahre nach dem Tod Linnés ist es veröffentlicht worden. In drastischen Anekdoten und schaurigen Geschichten aus seinem Umfeld hat der Autor  ein Panoptikum zusammengetragen, in dem ein Gott ohne Gnade für jede menschliche Verfehlung Rache übt. Dem Menschen, der Schuld auf sich lädt, ist Strafe gewiss. Und wem Schlimmes widerfährt, der muss vorher wohl gesündigt haben.

Seit 1987 spielt Irene Fischer die Rolle der Anna Ziegler in der Fernsehserie „Lindenstraße“, darüber hinaus ist sie auch Drehbuchautorin der Serie. Sie engagiert sich als Botschafterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes für Menschen mit Behinderung.



 

 Rezension der Salonnacht in der Schwäbischen Zeitung: